Das Jahrzehnt des Wettlaufs…Vorsprung des Ostens: eine Referent Schreibmaschine

Vor einigen Monaten hatte der „rote Heinrich“ in der Zeitung vom Sieg der sozialistischen Freunde in der Sowjetunion über den imperialistischen Feind im Westen gelesen. Auch die Radios sendeten diese Nachricht rund um die Uhr. Der Westen war panisch seit dem ein kleiner runder Satellit seine Kurven über den Himmel der freien Welt drehte und dabei mit einem hämischen Piepen die verzweifelten Versuche des kapitalistischen Systems diesen Rückstand wieder aufzuholen, verhöhnte.

Juri Gagarin hatte als erster Mensch im April 1961 einen Spaziergang im All gemacht und war lebend zurückgekehrt.

Für Heinrich war das der Beweis dafür, dass der Kommunismus dem Kapitalimus in jeder Hinsicht überlegen war. Und seine Freude darüber und seine Ferne von den vermissten Genossen hatte ihn schon seit geraumer Zeit zu einem Entschluss gebracht:

Der rote Heinrich brauchte endlich eine Schreibmaschine!

Um die Weihnachtszeit des Jahres hatte er es geschafft: er hatte das nötige Geld zusammengespart machte sich auf den Weg in die nächste Stadt, wo er sich eine ordentliche Schreibmaschine kaufen konnte.

Heinrich Meyer, den die Leute in Neulußheim immer nur den „roten Heinrich“ nannten, war seit seiner frühen Jugend überzeugter Kommunist. Er hatte natürlich die einschlägige Literatur dieser Ideologie gelesen, Marx, Engels und so weiter. Wegen seiner Überzeugungen war er von den Nationalsozialisten sogar eingesperrt, geschlagen und gefoltert worden. Nur mit viel Glück hatte er die ganze Zeit damals überlebt.

Doch das war nun auch schon wieder einige Jahre her und nun war er – im besten Alter – auf dem Weg zur Bushaltestelle. Damit fuhr er ein Stück, bis er in Walldorf in die Straßenbahn einsteigen konnte. Die Straßenbahn fuhr in bis in die Hauptstraße in Heidelberg. Seit etwa drei Jahren gab es im ehemaligen Tietz die Kaufstätte Schäfer. Dort würde er sicher fündig werden.

Kaufstätte Schäfer in Heidelberg

Bild aus der RNZ Webseitensuche

Er wollte sich eine wirklich gute Schreibmaschine kaufen. Der Laden war gut besucht und Heinrich fand einen der dort arbeitenden Verkäufer und sprach ihn gleich direkt an:

Ich suche eine wirklich gute Schreibmaschine!

Guten Tag der Herr! Da sind Sie hier bei uns in der Kaufstätte Schäfer genau richtig! Wir haben eine große Auswahl bester Schreibmaschinenmodelle!

Der rote Heinrich schaute den Verkäufer schweigend an. Der Verkäufer wartete ein paar Augenblicke und als vom roten Heinrich nichts weiteres kam, fuhr er fort:

Darf ich Ihnen hier unsere Kollektion hochwertiger Olympia Schreibmaschinen, beste Westdeutsche Produktion, vorstellen, diese hier, zum Beispiel, eine Olympia SM 7, ganz neu auf dem Markt, oder die Monica, oder hier, wenn es um allerbeste und effizienteste Büroarbeit geht, eine Olympia SG 1!

So hatte sich das Heinrich vorgestellt. So ein Großkapitalist der ihm Freundlichkeit heuchelt, aber nur an sein Geld will. Heinrich hasste das. Und natürlich will ihm dieser Heuchler zuerst einmal diese grotesken, barocken und vollkommen überteuerten Olympias andrehen. 250 Mark soll so eine SM kosten, man stelle sich das vor! denkt sich Heinrich wütend. Und nur Schnickschnack: Tabulator, überall Chrom.

Eine Frechheit!

Eine solche imperialistisch-arrogante Schreibmaschine wolle er nicht haben, hatte Heinrich dem Kaufmann dann erklärt. Er suche eine ordentliche, robuste und nicht unnötig verunstaltete Schreibmaschine wie diese grässlichen Olympias, hatte er ihm gesagt.

Der Kaufmann sah ihn zuerst ratlos an.

Ob er denn auch eine Schreibmaschine Ostdeutscher Produktion habe, hatte ihn Heinrich dann gefragt.

Ostdeutsche Produktion, hatte der Kaufmann dann verwirrt schauend wiederholt, ostdeutsche Produktion? Er drehte sich um und rief: Herr Schäfer?

Offensichtlich war Heinrich hier nicht an einen wirklichen Fachmann geraten

Sicherlich so ein Zögling dieser jungen verweichlichten und konsumgierigen Generation. Erfreut sah er einen älteren Herrn aus dem hinteren Bereich des Ladens auftauchen und geradewegs auf den Kaufmann und ihn zukommen.

Was gibt´ s denn für´ n Problem, fragte Herr Ernst Schäfer, einer der beiden Brüder, die den Laden führten, seinen Angestellten.

Dieser Herr hier sucht explizit,…

Explizit, was sucht er der Herr, explizit…

Explizit sucht dieser Herr…

ja, was sucht er denn nun, Mensch Herr Tönnes, das muß schneller, Zeit ist Geld

Imperialist! dachte sich Hermann und seine frühe Erleichterung wich einer Enttäuschung.

Dieser Herr hat explizit…

Explizit,…Tönnes!

…nach einer Schreibmaschine,…

…ja, die stehen doch hier, diese Olympias, haben Sie dem Herrn die denn nicht gezeigt?

…aus ostdeutscher Produktion, Herr Schäfer! Endete Herr Tönnes.

Es entstand eine peinliche Pause.

Tönnes…

sagte Herr Schäfer.

Tönnes, Ostdeutsche Produktion. Warum sagen Sie das denn nicht gleich?

Weil ich, also…

Egal, Tönnes, lassen Sie mal, mein lieber Herr…, begann Herr Schäfer und drehte sich zu Heinrich um, mein lieber Herr Sie suchen explizit…

Explizit! Sagte Tönnes.

Explizit! eine Schreibmaschine aus ostdeutscher Produktion? sagte oder fragte, Heinrich konnte den Unterschied nicht festmachen, Herr Schäfer.

Ja! Ich brauche eine ordentliche, robuste und nicht unnötig mit Schnick-Schnack verunzierte Schreibmaschine. Also keine dieser grausigen Olympias!

Grausige Olympias, wiederholte Herr Schäfer, währenddessen Tönnes auf seine Finger starrte und leise bis fünf zählte.

Die Kaufstätte Schäfer hatte auch Schreibmaschinen aus ostdeutscher Produktion

Herr Schäfer dachte kurz nach.

Tönnes!, rief Herr Schäfer sogleich, Tönnes gehen Sie hinten ins Lager und holen sie die Referent. Die steht im Regal hinten links!

Hinten links? fragte Tönnes zur Sicherheit.

Ganz weit hinten links! antwortete Herr Schäfer.

Während Tönnes ganz hinten links im Lager die Referent suchte, sah Herr Schäfer in seinem weißen Mantel den roten Heinrich von oben bis unten an.

„Ostdeutsche Produktion wie?“ fragte Herr Schäfer süffisant.

„Ostdeutsche Produktion!“, konterte der rote Heinrich.

Hier ist die Referent, sagte Tönnes. Er trug einen grünen Koffer herein, gerade noch rechtzeitig bevor sich Heinrich vielleicht entschlossen hätte den Laden dieses Pfeffersacks zu verlassen.

Ah! Die Referent! Ostdeutsche Produktion, Ordentlich, robust, ohne unnötigen Schnick und Schnack, sagte Herr Schäfer.

Explizit ohne! sagte Tönnes.

Tönnes, hören Sie auf! mahnte Herr Schäfer.

Die hier könnte Ihnen gefallen, sagte Herr Schäfer und stellte den grünen Koffer auf den Tresen. Herr Schäfer öffnete den Kofferverschluß und hob den Deckel nach hinten.

Heinrichs Augen begannen zu glänzen.

Die Referent: eine Optima Export Schreibmaschine

Ja, da das ist ja mal ein Schmuckstück! rief Heinrich den beiden Herren zu.

Ja, nicht wahr! sagte Herr Schäfer.

Großartig! Und diese Schreibmaschine kommt tatsächlich aus ostdeutscher Produktion? Aus der Deutschen Demokratischen Republik?, frage der rote Heinrich.

Das versichere ich Ihnen!, versicherte Herr Schäfer

Die Schreibmaschine war ein Referent Modell. Eine von Optima im Osten Deutschlands gebaute Export-Schreibmaschine.

Sie war zweifarbig grün lackiert. Der obere Teil war etwas dunkler als der untere. Sie stand in einem wirklich grell-grünen Kunstlederkoffer, der im Bereich der Tastatur angewinkelt war. Den Deckel schmückte eine große rote, eckig-geschwungende Plakette mit einem REFERENT-Schriftzug.

Heinrich kam sofort der große Mao-Tse Tung in den Sinn.

Er lachte leise über diese verschmitzte und verächtliche versteckte Kommunistische Botschaft der Optima Genossen an die kapitalistischen Eierköpfe der Bundesrepublik. So etwas konnte einem Kapitalisten gar nicht einfallen!

Da brat´ mir einer einen Storch! Die nehm´  ich! sagte der rote Heinrich zu Herrn Schäfer und zückte seinen Geldbeutel.

Die Referent

Herr Schäfer führte dem roten Heinrich die Referent sorgfältig vor:

Hier rechts ist der Farbbandschalter, eine Kunststoffrolle die man drehen kann. Hier links unten am Gehäuse ist die Transportsicherung. Ein Hebel zum umlegen. Ich selbst bevorzuge diese Mechanik außen an der Maschine. Die Tasten sind etwas breiter, als bei den Olympias, die Steigung der Typen fällt flacher aus.

Wie bei den Smith-Coronas, die Maschine des Klassenfeindes, gut gemacht, Genossen, dachte sich Heinrich. Er hatte sich schlau gemacht!

Der Zeilenhebel ist aus Chrom, sehr lang und sehr effizient.

Ordentlich, genau das Richtige für den Genossen der Arbeiterklasse, dachte Heinrich.

Die Maschine ist mit der Kunststoffbodenplatte fest verschraubt. Man zieht an diesen beiden Schlaufen um sie aus dem Koffer herauszunehmen, sehen Sie? fragte  Herr Schäfer.

Dazu gehört noch diese Garantie, die fülle ich Ihnen gleich aus, heute ist der, 27. Dezember neunzehnhundert…na…einundsechzig. So!

Und dann haben wir noch diesen Prospekt und diese Anleitung.

Im Koffer sind noch Pinsel und Bürste zum reinigen untergebracht.

Die Maschine ist denkbar wartungsarm und – freundlich aufgebaut, sehen Sie: sie ist unten offen. Sie braucht ab und an ein frisches Farbband und ein paar Tropfen Öl hier und da. Wenn sie sauber gehalten wird, wird sie ihnen viele Jahre treue Dienste leisten.

Selbstverständlich wird mich dieser stählerne Genosse treu begleiten, dachte Heinrich ehrfürchtig und zufrieden.

Endlich wieder zu Hause

In seiner kleinen Wohnung in Neulußheim angekommen, stellte der rote Heinrich die nagelneue, wunderschöne Referent-Schreibmaschine an einen hellen Platz auf seinen Schreibtisch. Jetzt konnte er endlich loslegen.

Der rote Heinrich schrieb Briefe an Juri Gagarin, später dann an dessen Witwe. Er beglückwünschte den Genossen Ulbricht zu seinem Coup mit dem antifaschistischen Schutzwall, gratulierte dann später Erich Honecker zu seinem Coup mit dem Verräter Ulbricht und seinem erfolgreichen Aufstieg zum ersten Sekretär des zentralen Komitees. Seine Briefwechsel mit den Genossen war langjährig und zahlreich. Der rote Heinrich pflegte all seine Briefe durch ein Kohlepapier zu schreiben und die Durchschläge ordentlich in Ordnern in seiner Wohnung abzulegen.

Sechzig Jahre später

Als die Polizei im Jahr 2021 die Tür zu seiner Wohnung durch einen Schließdienst öffnen liess, war der rote Heinrich schon ein paar Tage tot. Ein genaues Datum wurde nicht ermittelt. Die Polizei ging aufgrund des hohen Alters von 100 Jahren nicht mehr von einem Gewaltverbrechen aus. Es gab ja auch gar keine Spuren von Gewalt.

Die Unterlagen des roten Heinrichs waren nach eingehender Untersuchung von Fachleuten in ihrer historischen Aussagekraft nicht interessant genug, als dass sie dem Bundesarchiv zugeführt wurden.

Stattdessen wurden die Ordner durch den Nachmieter ordentlich der Altpapierentsorgung übergeben.

Anmerkung: diese Geschichte ist pure Fiktion. Nichts an ihr ist wahr. Außer, sämtlichen Erläuterungen der Schreibmaschine und der dazu gehörenden Unterlagen, die ich in Neulußheim erworben habe. Ja, sie wurde bei Schäfer 1961 in Heidelberg gekauft. Der Dialog ist aber auch frei erfunden.

 

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