Mein Arbeitstier: Olympia SG-1n…jetzt biste dran!

…schon von Anfang an!

Auch so ein gutes Stück aus der Nachbarschaft.

Die SG-1n: Seriennummer 7-824173 und damit wohl Baujahr 1961

Wie so oft: Enkelin verkauft so manchen Schatz der Großeltern. Und so auch hier: die SG-1n war tatsächlich eine vielgenutzte Sekretariats-Schreibmaschine ihrer Oma. Die hat in Opas Baufirma gearbeitet. Also die Oma. Und die Olympia auch.

Dem Deckel fehlen die O-Ringe, der Tabulator geht wie so oft nicht, ansonsten ist sie wirklich gut in Schuss. Vor allem innerlich. Tatsächlich sieht sie äußerlich weniger gut aus, als innen. Sie hat kaum Staub, nix Verquartztes, kein Kleb, wirklich gut. Ein wenig Waschbenzin ging aus Prinzip ins Typensieb.

Und dann hat sie den Ehrenplatz aller Schreibmaschinen bekommen

 

Mein Arbeitsplatz
Die Olympia SG 1n auf einem alten Nähtisch. Ein guter Platz zum Schreiben.

Ein paar Monate habe ich damit gearbeitet, Schreibversuche, Kurzgeschichten, Briefe, Karteikarten, usw.

Die Tabulatorfunktion war schon gleich zu Anfang nicht in Ordnung. Ich hatte dann erst einmal versucht, die Funktion zu überbrücken, d.h. mit einem Stück Papier die Bremse außer Betrieb zu nehmen. Doch die Feder dieser Maschine ist so stark, dass mir das Gerummse schnell unangenehm geworden ist.

Auf meiner todo-Liste war sie damit schon eine Weile und nachdem ich die SM-7 endlich fertig bekommen habe, war gleich Zeit auch für meine SG-1n.

Was? Keine „echte“ SG-1?

Nein, nur das „Sparmodell“.

Boah, das ist jetzt wirklich total abgehoben. Die SG-1 „n“ hat zwei Dinge nicht: einmal fehlt ihr eine Taste mit der automatisch ein Leerzeichen zwischen den Buchstaben gesetzt wird und, ok, dieses Gadget auf das die Amis total drauf abfahren: den Blatteinzugshebel mit dem man „Ritsch-Ratsch“ schnell ein neues Blatt auf eine vorher eingestellte Position reinziehen kann. Sieht spektakulär aus.

Ja, ich hätte schon gern diese beiden Funktionen auch in meiner hier, aber sie ist so wie sie ist.

Isch hab sie hald hawwe wolle.

Schluss mit dem Gejammer! Übrigens: in der Maschine ist für diese Funktionen alles schon vorbereitet. Man müsste nur am Wagen rechts die entsprechende Mechanik anbauen, bzw. eine zusätzliche Type mit der Doppelschaltung nach hinten zum „Escapement“ führen.

Glaub ich?! Frag mich nicht!

Auf jeden Fall sind die SG-1en als ehemalige Büroarbeitsgeräte für den Dauereinsatz konzipiert worden. Liest man sich die Verkaufshinweise des erfolgreichen Olympia-Vertreters der 1960er Jahre durch, so sieht man: schon damals war Zeit Geld. Und jede Funktion wurde da als Zeitersparnis und somit wirtschaftliches Argument verkauft.

Zampano spielen ist schön

Vorbereitet durchs Internetz wusste ich bereits, als ich die Maschine aus dem Nachbarort holte, wie man schick und schnell den ganzen Wagen abnehmen kann. Links und rechts die beiden Knöppe gedreht und – Zack – weggehoben das schwere Ding.

Damit holt sich der Enthusiast ein schnelles „Ah! Sie sind Fachmann!“

Ein gutes Gefühl

Aber jetzt war die Zeit gekommen, dem Tabulator was Gutes zu tun. Bei der SM-7 hatte ich geübt, mit der SG-1 (n) sollte es jetzt nicht allzu schwer sein. Zwischenzeitlich habe ich mir schriftliche Hilfe in Form der Bücher von Ted Munk, der „Olympia SG-1 Repair Bible“ geholt. Die gibt es als Print on Demand und kommen dann per Post aus dem schönen Frankreich.

Abb. 1: Escapementeinheit der SG-1, Lagerpunkte des Zahnrads und Bolzen in dem die Tabulatorbremse eingesteckt ist. Der rechte untere Sicherungsbolzen wird an der Unterseite aufgeschraubt

Bei der SG-1 wird also erstmal der Wagen abgenommen und dann geht es ans „Escapement“. Keine Ahnung wie das in deutsch heißt, ein Nachteil englischer Bücher und Foren im Internet, aber es ist ganz einfach das zentrale große Zahnrad, also das Herz der Schreibmaschine. Im Buch sind die originalen Wartungshinweise der Olympioniken abgebildet. Zwar in englisch, ja, ja, das hatten wir schon!

Abb. 2: Zahnrad: auf zwei Nadelschrauben gelagert. Vorne ist hier rechts. Man beachte die Lage des Rings zwischen der Escapementgabel und der Tabulatorgabel
Abb. 3: Das zentrale Zahnrad (Escapement)

Als erstes wird also die zentrale Zahnradachse an der vorderen Seite gelöst. Das kann man mit einem 7er Schraubenschlüssel machen. Das Zahnrad ist auf zwei Nadelschrauben gelagert, die beide – also hinten und vorne – mit zwei Muttern justiert und fixiert werden können. Ein wenig Platz geschaffen und schon lässt sich das Zahnrad rausnehmen. Das ist wirklich überhaupt kein Problem. 

 

 

Allerdings war es das noch nicht gewesen. Denn man muss ja an diese kleine verchromte Dose rankommen. Und dafür braucht es noch ein wenig mehr: also, nachdem wir das Escapement raushaben, kippen wir das Maschinchen (ha, aufpassen: das Ding ist schwer, aber es ist gut gewichtet, d.h. mir ist es nicht hintenüber gefallen. Ich konnte es einfach auf den Rücken stellen.

Nein, das Gehäuse kann dranbleiben.

Unten sehen wir nun den Mechanismus des Tabulators. Der bewegt sich bei der Betätigung der Tabulatortaste nach oben, in unserem Falle also – von uns weg. Ja, drück doch einfach mal mit dem Finger dagegen. Was soll schon passieren?

Gut! An diesen Druckarm ist mit einer größeren Schraube das Halteblech des Bremsendeckels befestigt. Außerdem hängt da noch eine längere Feder dran. Diese Feder wird nun unten, also näher bei uns, ausgehängt. 

Abb. 4. Tabulatorhebelarm, Fixierschrauben

Der Hebelarm ist unten mit einer Schraube fixiert. Diese Schraube (die rechte!) lösen. Damit kann man nun den Hebel entlang des Langlochs drücken und herauslösen.

Weiter oben steckt das Halteblech der Tabulatorbremse noch in einer weiteren Achse. Diese Achse ist durch einen Bolzen, der von oben sichtbar ist fixiert. Der Bolzen wiederum wird an der Unterseite durch eine Mutter festgehalten. Diese Mutter habe ich mit einer Ratsche, passende Nuss und einer Verlängerung rausgedreht. (Ja, und später wieder reingedreht, klar).

Wenn man sich nicht stresst und das ganz gemütlich Schritt für Schritt durchzieht, ist das alles kein Grund für Schweißperlen auf der Stirn. Da kann nix kaputt gehen und nix davonfliegen (denke an das Handtuch!), wenn Du alles ordentlich machst. 

Wir sind nun also schon ein gutes Stückweit gekommen

Die ganzen Haltebolzen sind gelöst, und wir können endlich die Einheit: Hebel, Feder, Chromdeckel rausnehmen und uns in Ruhe anschauen.

Das ganze Bremsenelement

Der Rest ist ebenfalls nicht schwer: die „größere Schraube“ (es gibt nur eine!) wird gelöst, das Halteblech also vom Hebelarm entfernt und dann können wir endlich den Chromdeckel aus dem Blech herausdrücken.

Was jetzt kommt, das haben wir bei der SM-7 schon kennengelernt. Gleiches Prinzip: vier kleine metallene Blöckchen mit jeweils zwei klitzekleinen Korkeinlagen stecken in einem blechernen Rahmen, der in der Chromdose liegt. Die rechteckige Aussparung und die Fräsung der Bremsenachse sorgt dann dafür, dass bei Verbindung des Bremsenzahnrads mit dem zentralen Zahnrad („the Escapement, you know?“) dieses in Drehung versetzt wird und die Drehbewegung die Metallklötzchen in Richtung Außenwand drückt. Quasi so eine Art „Drehkraft-Trommelbremse“.

Bei diesen Maschinen sind die Bauteile nunmal schon 60 Jahre alt. Da wird es Zeit.

Ein Klötzchen muss raus!

Genau wie bei der SM-7

Chromdeckel, Lagerblech und die vier Metallklötzchen

Dennoch behagt mir dieser Gedanke nicht. Im Nachhinein ist die Bremswirkung für meinen Geschmack ein wenig zu gering. Die „dicken“ SG-1 haben nunmal richtig Dampf in der Feder.

Ich spiele mit der Idee mir diese Klötzchen aus einem anderen Material nachzubauen. 3-D Druck oder, viel mehr nach meinem Geschmack: ich gieße mir passende Metallblöcke.

Mal sehen. Vielleicht über den Jahreswechsel (da gibt es ja wieder Zinngießen).

Zusammenbau

Egal. In diesem Falle flog ein Klötzchen raus und das Ganze wird wieder zusammengebaut. Am Ende mache ich einen Fehler: der Wagen „kratzt“ beim Zeilenwechsel. Ich spiele erst eine Stunde lang mit der Lage der Nadelachsen der Hauptfeder rum. Denke mir: da gibt es doch sonst nix einzustellen.

Bis ich dann endlich beim Ted Munk die Worte „silent carriage return“ richtig deute.

Es lag ganz einfach am Einbau des zentralen Zahnrads. Auf der Achse der Tabulatorbremse liegt noch ein Metallring. Dieser muss zwischen der Tabulatorgabel und der Escapementgabel liegen.

Dann kratzt auch nix mehr.

Am Ende fühlt sich der Schreibmaschinen-Enthusiast wie ein Meister seines Fachs. Hat ihm zuvor unbekannte Hürden überwunden. Hat neue Dinge kennengelernt, selbst verstanden, und wirklich nachvollzogen. Wozu diese ganzen Bauteile genau so eben eingebaut wurden. Damals, vor sechzig Jahren.

Ich hab mal wieder richtig viel Spaß gehabt!  

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